Leserbrief zu „Petra Bahr ist neue Landessuperintendentin - 600 Gäste beim Einführungsgottesdienst“ (Hannoversche Allgemeine Zeitung/HAZ  Ausgabe 17.1.2017 und 23.1.2017)

Frau Dr. Bahr steigen Sie herab in die Niederungen des Glaubenslebens und schauen Sie „dem Volk aufs Maul“ (Originalversion)

Frau Dr. Bahr hat als neue Landessuperintendentin die Seelsorge für  550000 Seelen in 222 Gemeinden übernommen. Sie trägt damit eine große Verantwortung. Sie wird  als akademisch klug beschrieben und sie nimmt sich bei ihrer Vorbereitung die hebräischen und griechischen Texte vor. Reicht das allein für diese Aufgabe aus? Ihre Aussagen transportiert sie schlagwortartig „Ein ganz und gar fragloser Glaube ist gefährlich“. Diese minimalistische Darstellungsform mag als Aufmacher in einer Zeitung ihre Wirkung nicht verfehlen.   Die Aussage ist jedoch nicht nur grammatikalisch falsch (der Duden stuft „fraglos“ als Adverb ein), sondern sie rührt auch an den Grundfesten des christlichen Glaubens. Es gibt keinen 80prozentigen Glauben.  Der unteilbare Glauben führt nicht zum Fundamentalismus; denn davor kann uns eine weitere Gabe Gottes bewahren, der Geist. Er regelt nicht nur unseren Umgang im zwischenmenschlichen Bereich, sondern er hilft uns auch bei der Positionierung unseres Wesens innerhalb des Gesamtsystems der Evolution. Das Wissen, dass die  Erde 4.3 Mrd. Jahre alt ist, lässt mich als Naturwissenschaftler nicht vom Glauben abfallen oder Fragen an die Bibel stellen. Vielleicht meinte Frau Dr. Bahr Anfechtungen oder Prüfungen im Glauben. Jeder kann davon betroffen werden, alle müssen wir uns dem „examen mortis“ stellen. Die Hinführung und Zurüstung, um diese Prüfung zu bestehen, gehören zur Kernaufgabe der christlichen Kirchen. Ich vermag in der  von  Frau Dr. Bahr gebrauchten Metapher „Segmentierung in Echokammern“  trotz meiner naturwissenschaftlichen Ausbildung nicht einmal ansatzweise etwas zu erkennen, was auf diese Zurüstung hindeuten könnte. Ich versuche deshalb mit einem eigenen Bild die kirchliche Situation zu beschreiben, mit Worten, die jeder Führerscheinbesitzer verstehen kann.

Kirchen sind Tankstellen der Seele, die Marke ist nicht wichtig. Wichtig sind ausschließlich die Qualität und die Oktanzahl des Benzins. Noch kann man die Oktanzahl leicht an der Zapfsäule erkennen; es ist das Kreuz. In den letzten Jahren musste ich leider feststellen, dass der Treibstoff bei den bekannten großen Marken gepanscht ist. Mein Motor begann zu stottern. Deshalb tanke ich nun bei einer freien Tankstelle und der Motor läuft wieder rund. Eine sorgfältige Qualitätsüberwachung und eine Konzentration auf  die Kernkompetenz tut in den Landeskirchen Not.

Die Predigt ist weder eine Philosophievorlesung noch ein religiös verbrämter Auszug aus der „Tagesschau“. Es ist eine der Formen, in der Gott zu uns spricht. Der Geistliche wirkt dabei als Transmissionsriemen zum Herrgott bzw. als Dolmetscher. Im Lutherjahr 2017 gewinnt  daher der folgende Absatz aus dem Sendbrief vom Dolmetschen (Luther 1530) besondere Bedeutung:

„man mus nicht die buchstaben inn der lateinischen sprachen fragen, wie man sol Deutsch reden, wie diese esel thun, sondern, man mus die mutter jhm hause, die kinder auff der gassen, den gemeinen man auff dem marckt drumb fragen, und den selbigen auff das maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetzschen, so verstehen sie es den und mercken, das man Deutsch mit jn redet“

Prof. Dr. rer.nat. habil. Harald G. Dill, Hannover

Der Leserbrief wurde in der HAZ am 3.2.2017 abgedruckt: „Kirchen sind Tankstellen der Seele“